Es war Frühling. Das Rad an der Mühle meines Vaters drehte sich wieder fröhlich, der Schnee tropfte vom Dach, und die Spatzen sangen. Ich saß vor der Tür in der warmen Sonne und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Da kam mein Vater aus dem Haus. Er arbeitete schon seit dem frühen Morgen in der Mühle. „Du Taugenichts!“, sagte er. „Du sitzt wieder in der Sonne und lässt mich die ganze Arbeit allein machen. Ich kann dich nicht länger füttern. Geh hinaus in die Welt und verdiene dir selbst dein Brot.“
„Gut“, sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, dann gehe ich in die Welt und suche mein Glück.“ Eigentlich war ich froh darüber. Ich hatte selbst schon Lust auf eine Reise. Ich holte meine Geige von der Wand, denn ich spielte recht gut. Mein Vater gab mir ein paar Groschen, und ich ging durch das Dorf hinaus. Die anderen jungen Leute gingen zur Arbeit wie gestern und heute und morgen. Ich aber ging in die Freiheit, und ich spielte und sang auf der Landstraße.
Da kam ein schöner Reisewagen hinter mir her. Darin saßen zwei vornehme Damen. Die jüngere war besonders schön. „Ei, lustiger Gesell, Er kann ja hübsche Lieder singen“, sagte die ältere. „Wohin will Er denn so früh?“ Ich wusste es selbst nicht und sagte: „Nach Wien.“ „Wir fahren auch nach Wien“, sagten sie. „Steig hinten auf.“ So fuhr ich mit. Wir fuhren den ganzen Tag, durch Dörfer und Wälder, und am Abend kamen wir zu einem großen, prächtigen Schloss vor Wien.
Im Schloss gab man mir Arbeit. Ich wurde Gärtnerbursche. Ich bekam neue Kleider, gutes Essen und jeden Tag ein Glas Wein. Ich musste nur die Bäume gießen und den Rasen schneiden. Das war leichte Arbeit. Oft legte ich mich unter einen großen Birnbaum, sah die Wolken an und dachte an die schöne junge Dame aus dem Wagen. Manchmal ging sie wirklich mit einer Gitarre oder einem Buch durch den Garten, still und freundlich wie ein Engel. Ich nannte sie in meinem Herzen „die schöne gnädige Frau“.
Eines Tages ging ich an einem Gartenhaus vorbei und sang ein Lied für sie: „Viel schöne gnäd’ge Fraue, grüß’ ich dich tausendmal.“ Da sah ich hinter den Fenstern zwei schöne, funkelnde Augen. Ich erschrak und lief schnell zu meiner Arbeit. Am Abend brachte mir die Kammerjungfer eine Flasche Wein von der schönen Dame. Ich war so glücklich, dass ich die ganze Nacht Geige spielte und sang.
Am Sonntag fuhren die Herrschaften mit einem Boot auf dem Teich. Sie riefen mich, und ich musste rudern. Die schöne Dame saß vorne im Boot. „Sing uns ein Lied“, sagte man. Ich sang ein Lied von einer schönen Frau. Die jungen Herren lachten heimlich über mich. Die schöne Dame sah die ganze Zeit auf den Boden und sagte nichts. Da merkte ich plötzlich, wie schön sie war und wie arm ich war. Als sie alle fort waren, warf ich mich ins Gras und weinte bitterlich.