Früher war das Hungern eine beliebte Kunst. Ein Hungerkünstler saß in einem kleinen Käfig auf Stroh und aß viele Tage lang nichts. Die ganze Stadt kam, um ihn zu sehen. Manche Leute kamen jeden Tag. Sie kauften Karten für mehrere Tage und blieben vor dem Käfig sitzen, sogar in der Nacht, beim Licht von Fackeln.
Der Hungerkünstler war sehr bleich und sehr dünn. Er trug ein schwarzes Trikot, und man konnte seine Rippen sehen. Im Käfig gab es nur eine Uhr. Manchmal nickte er höflich, manchmal streckte er den Arm durch das Gitter, damit die Leute fühlen konnten, wie mager er war. Oft saß er aber ganz still, mit fast geschlossenen Augen, und trank nur ein wenig Wasser aus einem kleinen Glas.
Tag und Nacht gab es Wächter. Sie sollten aufpassen, dass er nicht heimlich aß. Merkwürdigerweise waren es meistens Fleischer, immer drei zur gleichen Zeit. Manche Wächter spielten in der Nacht Karten und sahen absichtlich nicht hin. Sie dachten, er hat sicher etwas zu essen versteckt. Das machte den Hungerkünstler traurig. Er hätte nie etwas gegessen, denn die Ehre seiner Kunst verbot es. Lieber waren ihm die Wächter, die ganz nah am Gitter saßen und ihm mit Taschenlampen ins Gesicht leuchteten. Am Morgen bezahlte er ihnen ein großes Frühstück, und sie aßen mit dem Hunger gesunder Männer nach einer langen Nacht.
Am Ende war ihm das Hungern ganz leicht. Es war das Leichteste auf der Welt. Aber niemand glaubte ihm das. Die Leute meinten, er sei bescheiden oder er lüge.
Sein Impresario, der Mann, der seine Vorstellungen organisierte, hatte eine feste Regel: Mehr als vierzig Tage durfte er nie hungern. Nach vierzig Tagen interessierten sich die Leute nicht mehr. Dann gab es ein großes Fest. Die Tür des Käfigs war mit Blumen geschmückt. Eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte kamen und maßen den Hungerkünstler, und zwei junge Damen kamen, um ihn aus dem Käfig zu führen.